Warum wir defekte Gene brauchen
Auf den folgenden bisher wenig beachteten Zusammenhang hat mich ein Artikel in einer Naturzeitschrift gebracht:
Es könnte fatale Folgen für uns haben, wenn wir versuchen, krankmachende Gene aus unserem Erbgut zu entfernen. In der Entwicklungsgeschichte der Natur hat sich gezeigt, daß die ungeheure Vielfalt der Gene dafür gesorgt hat, daß z. B. der Mensch erfolgreich überstehen konnte, obwohl sich immer neue Krankheiten entwickelten.
Gene, die dabei keinen Überlebensvorteil bringen, sondern nur Schaden anrichten, werden dabei im Laufe der Entwicklung eliminiert. Trotzdem gibt es eine Reihe von Genen, die, wenn zwei mit der gleichen Anomalie zusammenkommen, zu tödlichen Krankheiten führen (z. B. Mukoviszidose vorwiegend in Nordeuropa und Sichelzellenanämie im Mittleren Afrika und unter den Afrikastämmigen Nordamerianern).
Auffällig ist, daß bestimmte Erbkrankheiten teilweise dort besonders verbreitet sind, wo bestimmte erwerbbare Krankheiten vorkommen. So ist z. B. die Verbreitung der Sichelzellenanämie fast Deckungsgleich mit dem Verbreitungsgebiet der Malaria. Inzwischen weiß man, daß Menschen, die das Sichelzellen-Allel im Gen tragen, nicht an Malaria erkranken, ihre Überlebenschance ist also höher, auch wenn der Preis dafür ist, daß Menschen, die von beiden Eltern das Allel geerbt haben, an der tödlichen Sichelzellenanämie erkranken und Träger eines Allels zeitlebens an Sauerstoffmangel leiden (also leistungsschwächer sind).
Ähnlich soll es sich mit der Mukoviszidose verhalten. Das dafür zuständige defekte Gen soll vor Typhus schützen. Treffen zwei defekte Gene in einem Menschen zusammen, erkrankt er an Mukoviszidose, mit nur einem Gen bleibt er gesund.
Diese zwei Beispiele sollten zeigen, daß es irreführend ist, zu meinen, man könne die Menschen gesünder machen, wenn man versucht, krankmachende Gene zu eliminieren. Für die einzelne Person mag das so sein, für die Menschheit (oder andere Lebewesen) kann eine solche Eliminierung aber die langfristige Vernichtung der Art bedeuten.
Letztendlich ist es mit der Genen wie mit der Natur insgesamt: In einem vernetztes System können selbst kleinste Eingriffe (z. B. der Transport afrikanischer "Mörderbienen" nach Amerika) fatale Folgen haben. Das System ist einfach zu kompliziert, als daß wir es so einfach verstehen könnten.
Entsprechend stellt sich für die Gentechnik nicht nur im konkreten Fall die Frage, ob Genmanipulation sinnvoll ist, sondern auch die Frage, ob Genmanipulation nicht zu von uns Menschen nicht erkennbaren Folgen führen kann (dies trifft auch auf die Erzeugung genmanipulierter Pflanzen zu).
