Über die Herkunft des Wortes Hexe gibt es unterschiedliche Auffassungen. Nimmt man die Definition aus dem Herkunftswörterbuch und landläufige historische Vorstellungen zusammen, so ergibt sich nicht die auf Zäunen und Hecken sitzende Elfe sondern eine Frau, die abgeschirmt hinter heckenartigem Gebüsch oder Dickicht ihren Dingen nachgeht und offenbar recht geheimnisvoll ist. Daß die Elfe mit im Wort stecken soll, läßt auf ein eher gutes Wesen schließen.
Da der Begriff aus dem Germanischen stammt, liegt nahe, daß es sich bei den Hexen unter anderem um die "weisen Frauen" bzw. "Kräuterfrauen" handelt, die uns aus der vorchristlichen Zeit bekannt sind. Insbesondere die Kräuterfrauen dürften auch in der Umgebung gelebt haben, die ihnen das Material für ihre vielen Rezepte lieferte.
Weise Frauen waren immer von einem Geheimnis umgeben. Ähnlich wie z. B. die Zauberer in Südamerika wurden sie sehr alt und kannten sich mit der Natur und ihren Kräften aus. Kräuterfrauen wußten für fast jede Krankheit ein Kraut, das gegen diese Krankheit gewachsen ist. Aber ähnlich wie die südamerikanischen Zauberer dürften weise Frauen auch um die Rolle der Psyche bei der Heilung gewußt haben, also die Heilung manchmal auch ein bißchen mit Hokuspokus begleitet haben.
Größere Verbreitung des Begriffs Hexe ist im frühen Mittelalter, also in der Zeit der Christianisierung, festzustellen. In dieser Zeit begründete sich auch der negative Unterton im Wort Hexe: Hexen waren nichts gutes (Elfen) sondern etwas böses, "teuflisches". Es gibt reihenweise Abhandlungen zu diesem Thema, deshalb hier nur ein paar m. E. wesentliche Aspekte zu der Begriffswandlung.
Die Missionare, die den christlichen Glauben verbreiten wollten, hatten im Norden mit verschiedenen Dingen zu kämpfen:
- Naturglaube (die Nordischen Götter sind allesamt von Naturgewalten und -vorgängen abgeleitet) und
- teilweise fehlende Unterdrückungsstrukturen (die nordischen Sippen hatten so etwas wie eine Demokratie).
Der christliche Glaube hat sich aber (ähnlich wie im Mittelalter der Islam) anfänglich vor allem unter den Unterdrückten und Benachteiligten ausgebreitet. Nun hat das auf dem ersten Blick wenig mit unseren Weisen Frauen oder den Kräuterfrauen zu tun.
Nun, mit der Begründung kirchlicher Strukturen kamen auch der Machtanspruch und nach dem Prinzip "Wissen ist Macht" der Anspruch, die Wahrheit und Weisheit zu besitzen. Genau hier aber kommen die Weisen Frauen ins Spiel: Sie besaßen Wissen und Weisheit (Erfahrung). Sie wußten, daß ein Mensch nicht durch ein Wunder krank oder gesund wird sondern durch Natur oder andere äußere/innere Einflüsse. Sie besaßen durch ihr oft hohes Alter auch sehr viel Lebenserfahrung. Vor allem aber konnten sie etwas, das die Kirche nicht konnte: Sie konnten kranke Menschen gesund machen, und sie konnten Frauen helfen, Kinder ohne zu große Schmerzen zu gebären. Kirche und Missionare dagegen vertraten die Ansicht, daß Krankheit und Gesundung ebenso gottgewollt waren wie die Schmerzen der gebärenden Frau. An die Stelle des Hokuspokus setzten sie den Glauben, für die Medikamente hatten sie keinen Ersatz.
Menschen, die Wissen und Weisheit besitzen, müssen aber gewissermaßen der natürlicher Feind einer Organisation sein, die allein auf Glauben aufbaut und für sich einen Absolutheitsanspruch stellt. Und spätestens mit der Verknüpfung von Staat und Kirche war die Kirche auch keine Organisation der Unterdrückten mehr. Die Kirche war auch in Mittel- und Nordeuropa zum Teil eines Herrschaftssystems geworden. Somit war alles, was diese Herrschaft gefährdete, zu einer Gefahr geworden.
Wie wir aus der neueren Geschichte und der Missionierung Afrikas wissen, ist ein wesentliches Merkmal von Missionaren, zu versuchen, den Einfluß der Zauberer auszuschließen: Auf sie hören die Menschen. Ebenso dürfte das auch mit den Hexen abgelaufen sein. Um die Menschen an die Kirche zu binden, mußte ihre Bindung an den Naturglauben und die Kräfte der Natur aufgelöst werden. Weisheit mußte dem Glauben weichen.
Nun denkt man, daß die Menschen doch genug Verstand gehabt haben sollten, nicht alles, was sich über Jahrhunderte und Jahrtausende als gut erwiesen hat, über den Haufen zu werfen. Leider reicht aber der Verstand des Menschen offenbar nicht dazu aus, vor allem dann, wenn geheimnisvolle Dinge im Spiel sind. Und die alten Strukturen im Norden waren nun leider nicht darauf eingerichtet, daß jemand kommen könnte, um alles über den Haufen zu werfen.
Weise Frauen waren durch ihr ungeheures Wissen mit einem Geheimnis umgeben. Wissen macht aber unter Umständen in der richtigen Gesamtsituation auch Angst. Der Fehler des alten Systems war also, daß die Umgebung nicht unbedingt verstanden hat, daß z. B. an der Heilung eines Kranken überhaupt kein Hokuspokus beteiligt war sondern nur Natur und eben die Stärkung des Willens. Es war also Unwissenheit der Menschen, die es erlaubte, das Wissen zu verteufeln und als schlecht hinzustellen.
Entsprechend versuchte die Kirche, genau diesen Widerspruch zu nutzen: Wenn ein Kranker trotzdem starb, wurde der Weisen Frau die Schuld gegeben. Wenn sie einen gesund machte, konnte man auch dann auf die "Zauberei" verweisen. "Wie macht sie das?", "Da ist doch gar nichts natürliches dabei". Man schürte Angst vor dem Unbekannten, indem man das unbekannte (den Hokuspokus) überbetonte. An dieser Stelle ist es regelrecht erschreckend, wie Frauen z. B. irgendwann nur noch ganz heimlich zu Kräuterfrau/Hebamme gingen, um sich Hilfe für eine Schmerzfreie Geburt und gegen das immer drohende Kindbettfieber zu holen. - Hebammen, Kräuterfrauen und Weise Frauen waren etwas Böses.
Wozu die Verbreitung des Hexenwahns dann geführt hat, ist allseits bekannt: Es ging fast das gesamte Wissen um die Heilungskräfte der Natur verloren nur ein begrenzter Teil des Wissens wurde bewahrt. Das Mittelalter wird auch wegen der Hexenverfolgungen als eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte betrachtet. Die Forschung um Naturzusammenhänge wurde erheblich behindert, Menschen, die Dinge erforschten und zutage brachten, die den Lehren der Kirche widersprachen, wurden gefoltert und verbrannt. Ausgerechnet denen, die das Verschwinden dieses Wissens verursacht haben, haben wir allerdings auch erhaltene Reste zu verdanken: Den Mönchen, die Rezepte, die dann in den Bibliotheken der Klöster verschwanden, aufgeschrieben haben.
Um nun den Bogen zum Hexentanz zurückzuschlagen: Der Begriff der "bösen Hexe" hat sich bis ins 21. Jahrhundert gehalten. Dabei trifft er nicht mehr nur Frauen, die irgendeine Art von "Zauberei" ausüben (ein Überbleibsel des alten Heilwissens, das über die Jahrhunderte bis heute von Generation zu Generation nicht nur an Frauen weitergegeben wurde), sondern er trifft Frauen, die allgemein in irgendeiner Form als "böse" und abweichend angesehen werden und in diesem Sinne auch Frauen, die die ihre zugedachte Rolle in irgendeiner Art nicht erfüllen. In der Hochzeit der Frauenbewegung wurden auch Frauen als Hexen bezeichnet, die im Sinne einer humaneren Gesellschaft für eine Gleichberechtigung der Frau kämpften. "Emanze" und "Hexe" wurden teilweise synonym gebraucht - entsprechend der Vorlage, daß Weise oder kluge Frauen nur Hexen sein können.
In diesem Sinne sind Rechnernamen wie Homepage Witch und Homepage La Sorciere und auch der Name "Hexentanz" für dieses Weblog zum einen als Provokation und zum anderen auch als Bekenntnis zu sehen: Die Autorin stellt sich gegen den Strom. Sie stellt Wissen und Denken über den Glauben. Sie provoziert, mischt sich ein und nimmt nicht hin. Und vor allem will sie ganz und gar nicht die Rolle des jasagenden Heimchens am Herd spielen. Auch wenn ich inzwischen sicher über viel Lebenserfahrung verfüge, bin ich sicher nicht, das, was gemeinhin als "Weise Frau" bezeichnet wird. Aber wie auch in früheren Zeiten die alten weisen Frauen bin ich beständig bestrebt, meinen Geist und mein Wissen zu erweitern, und ich hoffe, daß das auch immer mehr andere Menschen machen, damit wir irgendwann eine bessere Gesellschaft haben.
PS: Mit "Spökenkiekerei", wie wir in Norddeutschland den Glauben an Wunder und Zeichen oder andere derartige irrationale Dinge nennen, hat die Autorin nichts im Sinn. Wer so etwas sucht, wird es hier nicht finden, aber vielleicht etwas, das ihn oder sie zum Nachdenken bringt
letzte Änderung 2006-01-21 22:11:28
